30. Mai 2015 - Porträts & Personalien

OZ Alsfeld, 30. Mai 2015 - Von Günther Krämer

Mehr als nur ein Beruf

ARZTHELFERIN Waltraud Schopbach geb. Boss aus Leusel geht nach 51 Jahren in Rente / Gebürtige Storndorferin

Schopbach Waltraud small

Waltraud Schopbach in der Praxis Lutherstraße. Foto: G. Krämer

ALSFELD. Das ist heute kaum mehr vorstellbar. Über 51 Jahre ist Waltraud Schopbach aus Leusel dort tätig, wo sie ihre Ausbildung und damit den Beruf als Arzthelferin begonnen hat: in der Gemeinschafts-Praxis für Allgemeinmedizin Dr. Kolb-Fricke und Müller, früher Dr. Ingeborg Hennighausen, in Alsfeld. Schopbach hat in all ihren Berufsjahren den gesamten Fortschritt der Allgemeinmedizin und des Gesundheitssystems in einer Hausarzt-Praxis miterlebt. Von Krankenscheinen zur Chipkarte, von den handschriftlich ausgestellten Rezepten zum Ausdruck über den Computer, von der Grundversorgung des Hausarztes bis hin zur heutigen internistischen Behandlung an den medizinischen Geräten, vieles ändere sich.

Das sagen die Chefs

► Hans Walter Müller: Es ist schon außergewöhnlich, so lange in der gleichen Praxis beschäftigt zu sein. Waltraud Schopbach hat die enormen Veränderungen der medizinischen Behandlungsmethoden eines Hausarztes miterlebt. Sie war immer sehr zuverlässig. Es war eine angenehme Zusammenarbeit.

► Dr. Heidi Kolb-Fricke: Bei der Praxisübernahme im Jahre 1987 von Dr. Ingeborg Henninghausen war gerade Waltraud Schopbach eine große Stütze. Sie kannte nicht nur die Patienten, sondern vielfach auch deren Familien. Zuverlässigkeit und Vertrauen zeichneten Frau Schopbach aus. Aber auch im Berufsleben gilt: „Einmal ist für jeden Schluss!"


„Eigentlich", erzählt Schopbach, gebürtige Storndorferin mit Realschulabschluss, „sollte ich nach dem Willen meiner Eltern Lehrerin werden." Am Pädagogischen Institut in Fulda war eine Ausbildung bereits anvisiert. „Doch ich entschied mich dagegen; wollte mit den Menschen arbeiten, wollte Arzthelferin werden." Aber wo? Über eine Verwandte erfuhr sie, dass in der Praxis Hennighausen in Alsfeld ein Lehrling gesucht werde. Sie bewarb sich und wurde eingestellt. In ihrem Lehrvertrag war auch die Vergütung geregelt. 75 DM im ersten und 150 DM im zweiten Lehrjahr. Die Ausbildung für Mittelschul-Abgänger in dem erst seit 1962 anerkannten Beruf der Arzthelferin (früher Sprechstundenhilfe) konnte von drei auf zwei Jahre abgekürzt werden. Diese Möglichkeit nutzte sie.

Am 1. April 1964 trat die Leuselerin die Lehre an. Dr. Heinrich Hennighausen, mit dem Dr. Ingeborg Hennighausen in den 50er Jahren die Hausarzt-Praxis aufgebaut hatte, hatte sich bereits als Augenarzt in der Schellengasse in Alsfeld selbstständig gemacht.

Ingeborg Hennighausen führte die Praxis alleine, unterstützt von einer weiteren Angestellten und der Auszubildenden. „Wir waren wie eine Familie", erklärt die Arzthelferin. Es wurde nicht nur gemeinsam gearbeitet, sondern sich gemeinsam an den langen Tisch in dem großen Esszimmer gesetzt, wenn Mittagszeit war. Damit nicht genug. Schopbach hatte in der Bahnhofstraße dort ihr eigenes Zimmer. Dies war notwendig, wenn Abendsprechstunden stattfanden oder Wochenend-Dienst angesagt war. Nach Storndorf gab es nach 20 Uhr keinerlei Verbindungen - und an Wochenenden schon gar nicht.

Die Familie Henninghausen nahm Schopbach als Dank für die erfolgreiche Ausbildung mit in den Urlaub nach Österreich. Und dort wurde ihr eine weitere Überraschung eröffnet: Ihr wurde mitgeteilt, dass die Henninghausens die Kosten für den Führerschein übernehmen. Mit dem Führerschein konnte sie alleinverantwortlich für Blutentnahme bei den auswärtigen Patienten mit dem PKW der Arztpraxis eingesetzt werden.

Die Zahl der Patienten nahm zu; auch die Veränderungen im Gesundheitssystem und die Anforderungen an die Hausärzte stiegen. „Man kann es gar nicht glauben, dass wir damals fast alles per Hand oder - das war dann schon modern - mittels Schreibmaschine bearbeitet und getippt haben."

Schopbach Waltraud 2

Praxisalltag 1964 Foto: privat

Zum Quartalsende mussten die Krankenscheine abgerechnet werden. Da waren alle gefragt und gefordert. Die Krankenscheine für die Honorarabrechnungen der Ärzte, auf denen die Ziffern der Gebührenordnung für die Behandlungen notiert sind, wurden sortiert, anschließend gezählt, nummeriert und zusammengepackt. Für die Quartalsabrechnungen wurde die Praxis manchmal vorübergehend geschlossen - oder die Abrechnung erfolgte über das Wochenende. Heute im Zeitalter der IT-Technik reicht ein Klick auf den PC - und die Abrechnung steht bereits unterteilt in alle Ziffern der Gebührenordnung. Ein weiterer Klick: die Quartalsabrechnung ist bei der Kassenärztlichen Vereinigung.

Mit den zunehmenden Veränderungen in der ärztlichen Versorgung im Gesundheitssystem einhergehend, war oft eine Änderung der Gebührenordnung verbunden. Auch darauf musste sich Schopbach im Verlaufe der 51 Jahre als Arzthelferin jedes Mal neu einstellen. Es war eine ständige Herausforderung, die lediglich durch Mutterschaft der drei Kinder jeweils sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt unterbrochen wurde. Ein erster Umbruch im Praxisleben erfolgte 1987. Zum 1. Oktober übernahmen Dr. Heidi Kolb-Fricke und Hans Walter Müller die Praxis, die als Gemeinschaftspraxis geführt wurde. Die Anforderungen an die Hausärzte stiegen, insbesondere im internistischen Bereich und durch den Einsatz von medizinischen Geräten - damit auch die Aufgabenstellungen an die Arzthelferinnen.

Als Waltraud Schopbach die Altersgrenze für den Ruhestand bereits vor Augen hatte, kam es zu einem neuen Wechsel. Die Praxis in der Bahnhofstraße 3 wurde zum 31. März 2014 geschlossen. Zum 1. April 2014 wurden neue Räumlichkeiten im Obergeschoss in der Luthertraße 8 bezogen. „Eigentliech", so Schopbach, „wollte ich einen solchen Umzug nicht mehr mitmachen, aber es reizte mich zum Abschluss meines Berufslebens dieser Herausforderung zu stellen." Und so sagte sie nicht nein, als Heidi Kolb-Fricke und Hans Walter Müller darum baten, den Umzug und den Aufbau der Gemeinschaftspraxis noch zu begleiten.

Aber einmal muss Schluss sein. Gestern war ihr letzter offizieller Arbeitstag. Waltraud Schopbach hat ihre Berufswahl niemals bereut, hat viel erlebt, viel gelernt, viele Menschen kennengelernt, vielen Menschen geholfen. Sie hat ihren Beruf nie als Pflichtaufgabe angesehen; es war für sie die Erfüllung ihres Berufswunsches, den sie bis zum letzten Arbeitstag mit Freude und Liebe umgesetzt hat. „Ich würde es wieder genauso machen!", resümiert sie.

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