9. Januar 2020 - Schwalmtaler im Ausland

Quelle: OZ Alsfeld - Christian Dickel

Leben in einer anderen Welt

Die Storndorferin Kerstin Völck lebt seit sechs Jahren in Australien. In der abgeschiedensten Großstadt der Welt in Perth gehen die Uhren anders. Corona ist dort überhaupt kein Thema mehr.

STORNDORF/PERTH. Derzeit lebt Kerstin Völck aus Storndorf mit ihrem Mann Kevin in der zwei Millionen Metropole Perth an der Westküste Australiens. Vom sechsten Kontinent aus vergleicht sie die vollkommen unterschiedliche Situation im Umgang mit der Corona-Pandemie. „Es ist so anders als in Europa. Unsere Grenzen sind dicht und unser Leben beschränkt sich auf das, was um uns ist. Wir sind eine Insel auf der Insel und das Wort ‚Isolation‘ hat für uns nochmals eine neue Dimension eingenommen. Wir leben in einem sicheren Hafen, fragen uns aber auch, ob das so bleiben wird“, fasst sie ihre Gemütslage und den Blick auf die weltweiten Nachrichten zusammen.

Momentan vergleicht sie das Leben in Australien und Deutschland noch einmal intensiver, da sie zurzeit um ihre kürzlich verstorbene Mutter trauert. Die Teilnahme an der Beerdigung auf dem Storndorfer Friedhof und somit das Abschiednehmen war für sie aufgrund der Pandemie-Lage in Deutschland und den Ausreisebestimmungen in Australien schier unmöglich. Wenn überhaupt nur mit immensen Kraftanstrengungen - verbunden mit der Möglichkeit, nicht ohne Weiteres wieder in Westaustralien einreisen zu können. An der Trauerfeier nicht teilnehmen zu können, beschäftigte sie sehr.

Corona: „Wohl der Bevölkerung im Vordergrund“

Der Bundesstaat Westaustralien sei bereits seit März 2020 komplett isoliert und abgeriegelt. Die Grenze zu anderen Regionen in Australien sei seitdem nur einmal kurz geöffnet worden, aber nachdem an der Westküste neue Ausbrüche stattfanden, hat der Premier Minister das Land umgehend wieder abgeriegelt. Es klingt extrem, hat aber für die Bevölkerung jede Menge positive Auswirkungen. Seit Beginn der Pandemie hat es bisher neun Tote und um die 870 Corona-Fälle gegeben und das bei rund 2,6 Millionen Einwohnern (Zum Vergleich: Alleine im Vogelsbergkreis gab es bislang 1889 Fälle und 61 Verstorbene bei rund 100 000 Einwohnern - Stand 8. Januar). In ganz Australien seien es seit Ausbruch der Pandemie etwa 28 500 Fälle, wobei die größten Cluster weit weg im Osten in Sydney und Melbourne gewesen seien. Auch hier haben die Premierminister des Bundeslandes dafür gesorgt, dass die inneraustralische Grenze abgeriegelt wurde. „Das Wohl der Menschen stehe im Vordergrund“, sind die Argumente der Staatsoberhäupter.

Keine Einschränkung mehr durch Corona im täglichen Leben

Für ihr Leben in der abgelegensten Großstadt der Welt gebe es im Prinzip schon seit Juli keinerlei Einschränkungen mehr: Großveranstaltungen, kulturelle Angebote, Bauern-Märkte und freies Reisen innerhalb des Bundesstaates. „Perth ist eine zwei Millionen Stadt, von der man aber nichts mitbekommt, wenn man nicht gerade im Stadtkern wohnt. Die Stadt ist sehr weitläufig, liegt direkt am Meer und dem Swan River - der berühmte Fluss, wo die schwarzen Schwäne leben - und grenzt am anderen Ende an das Outback (australische Regionen fernab von Zivilisation). Ich habe selten so viel Himmel wahrgenommen wie hier und die Weite des Landes ist täglich spürbar“, erklärt Völck. Der straffe Lockdown habe lediglich sechs Wochen von Mitte März bis Ende April gedauert und die Zeit wurde von vielen mehr oder weniger genossen.„Durch die konsequente Verriegelung der Grenzen gab es recht schnell keine einzige Neuinfektion mehr“, berichtet sie. Und die wenigen, die in den Bundesstaat einreisen durften, gehen auch heute noch direkt in eine zweiwöchige Quarantäne.

Weihnachten und Silvester

So habe es wie gewohnt an Silvester eine große Veranstaltung in der Stadt gegeben. Im Vergleich zu Deutschland gibt es aber vor Ort keine Feuerwerkskörper zu kaufen. Das Feuerwerk finde ausschließlich organisiert statt. Trotz des befreiten, westaustralischen Alltags kann sich Kerstin Völck mit einigen Traditionen bislang nicht anfreunden. „Weihnachten ist alles andere als besinnlich. Die Zeit wird maßgeblich am Strand verbracht, denn ein Sprung ins Meer ist hier Tradition am Weihnachtstag. Ein Barbecue und Alkohol gehören zu den Feierlichkeiten dazu“, fasst sie zusammen. „Es ist eine Familienfeier der anderen Art, doch auf den Sprung ins Meer mussten wir in diesem Jahr verzichten. Ein Hai wurde gesichtet, am Strand gingen die Alarm-Sirenen an - daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt“, sagt sie. Der zweite Weihnachtsfeiertag, der sogenannte Boxing Day stehe ganz im Zeichen der britischen Tradition. Das heiße, im TV Sport schauen oder selbst eines der zahlreichen Sportevents besuchen.

Reiseeinschränkungen

Für West-Australier ist das Reisen derzeit auf das Auto beschränkt und ein Reisen, wie es in Europa möglich ist, ist für viele undenkbar. Im letzten Jahr war es den West-Australiern lediglich möglich, sich in ihrem eigenen Staat zu bewegen. Kerstin Völck hat es mit ihrem Mann einmal in den Süden geschafft, wo die Hügellandschaft und die satten Wälder sie an die Heimat in Hessen erinnern. Es ist eine fünfstündige Autofahrt und endet in der Stadt Albany.
Insbesondere über ihre derzeitige Wahlheimat Perth sagt sie: „Ich bin jeden Tag aufs neue überrascht von der Vielfältigkeit und der malerischen Umgebung. Es ist ein tägliches Staunen und für mich als Deutsche immer wieder besonders, so dicht am Meer zu leben.“ Trotz des bei ihr wieder schnell eingekehrten Alltags meint sie: „Die Pandemie hat einmal mehr gezeigt, was wirklich wesentlich ist. Die Natur ist einmal mehr unser bester Freund.“
Die üblichen Probleme hat es aufgrund der Isolation eines gesamten Bundesstaates auch gegeben. Es falle schon auf, dass momentan keine Backpacker (Rucksackreisende) und internationale Studenten in der Stadt und im Land seien. Nicht nur die Tourismusbranche leide darunter.

„Work-and-Travel-Programme sind elementar für die Farmen im Umland. Es gibt sogar offizielle Aufrufe der Regierung, sich freiwillig als Erntehelfer zu melden.“ Engpässe bei Lebensmitteln habe es auch in Westaustralien gegeben. Wie wohl überall rund um den Globus habe es auch kein Klopapier für eine gewisse Zeit gegeben. „Verstanden habe ich diesen besonderen Kaufwahn nie“, sagt Kerstin Völck.

Kulturelle Unterschiede

Wie unterschiedlich die Kulturen seien, habe sie sich anfangs gar nicht vorstellen können. Als gebürtige Storndorferin ist sie das Leben in einer Gemeinschaft gewöhnt. In ihrer derzeitigen Umgebung ziehen Menschen im Durchschnitt alle 5 bis 10 Jahre um. Dies bedeutet neue Nachbarn, eine neue Schule, eine neue Gemeinschaft. „Menschen investieren hier viel Zeit und Energie, um eine Gemeinschaft zu kreieren. Das hat mich anfangs total überrascht, denn ich bin es gewohnt, dass Gemeinschaften im Dorfverbund und einer Kleinstadt von ganz alleine entstehen - ein natürlicher Prozess eben.“

Heirat in Alsfeld

Das letzte Mal war sie vor zwei Jahren in Deutschland und dann gleich für ausgedehnte sieben Monate. In dieser Zeit habe sie auch ihren britisch-australischen Mann geheiratet. „Es war die Idee meines Mannes, da er meinte, beide meine Eltern wären vor Ort und die Aussicht, an einem historischen Platz zu heiraten, hat einmal mehr eingeladen. „Perth ist recht jung mit seinen 200 Jahren und als die Kinder meines Mannes das Rathaus in Alsfeld sahen, war die Freude groß“, erzählt Völck. Da die Hochzeit zweisprachig stattfinden sollte, hatte sich Bürgermeister Stephan Paule dafür angeboten und die Trauung persönlich übernommen. „Es war ein traumhafter Tag für uns alle und wir sind dankbar, dass das möglich war“, schwärmt sie noch heute. Sie könne sich jederzeit vorstellen, wieder zurückzukehren, um hier zu leben. „Ich liebe meine hessische Heimat und alles, was dazu gehört. Ich bin in Storndorf aufgewachsen und habe bis zu meinem 39. Lebensjahr in Fulda gewohnt.

Sabbat-Jahr

„Irgendwie bin ich eine Aussteigerin geworden, die niemals eine sein wollte“, lacht sie. Dass sie einmal in Australien leben würde, sei nicht geplant gewesen. Mit 39 Jahren war sie als Marketing-Managerin für das Unternehmen Fulda Reifen (später Goodyear Dunlop Tires) angestellt. Um dem fordernden Geschäftsalltag einmal entgegenzuwirken, habe sie einen sechswöchigen Urlaub auf Bali geplant. Eine Freundin hatte sie zuvor auf die Möglichkeit eines Sabbat-Jahres (Sabbatical) aufmerksam gemacht und zu ihrer Überraschung habe es ihr Arbeitgeber genehmigt. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass er ja sagt, aber so war es“, sagt sie. „Be careful what you wish for”, schmunzelt sie. Das war im Jahr 2009 und von da an war nichts mehr so, wie sie es kannte. Sie blieb ein ganzes Jahr auf der indonesischen Trauminsel und wie es das Leben so wollte, lernte sie dort ihren Mann kennen. Damit begann für sie ein komplett neues Leben und auch die Suche nach einem geeigneten Wohnort. Nach einiger Zeit in Deutschland und auf Bali, entschieden sich dann beide für Australien.

Berufliche Neuaufstellung

Beruflich musste sie sich ebenfalls neu aufstellen. Mit ihrer Idee von Homeoffice und Projektarbeit konnte sie ihren alten Arbeitgeber in Deutschland nicht überzeugen - etwa zehn Jahre später wäre das vermutlich anders. Sie reichte die Kündigung ein. Dennoch sei sie ihrem ehemaligen Arbeitgeber noch heute dankbar, ihr das Sabbatical ermöglicht zu haben. Heute sei sie eine sogenannte Office-Allrounderin und teilt nebenbei ihre Liebe zum Yoga. Angefangen habe sie mit Aufträgen, die man in Deutschland Zeitarbeit nenne - heute sei sie selbstständig. Das ermöglicht ihr ein ausgewogenes Verhältnis von Beruf- und Privatleben. „Ich mag keine Extreme und denke, dass dadurch oft ein Ungleichgewicht geschaffen wird. Manche Menschen arbeiten 60 Stunden, andere dagegen gar nicht. Das könnte meiner Meinung nach vermieden werden“, sagt sie und fügt an: „Ich wollte nie weg aus Deutschland und hatte wenig zu beklagen. Aus der Ferne kann ich heute sagen, dass in Deutschland vieles richtig gut läuft.“

Beispielsweise sei in Australien ihre Qualifizierung zunächst nicht anerkannt worden und auch die Einreise war kein Leichtes. Für ihr Partnervisum musste sie um die 10 000 australische Dollar bezahlen und auch das ermöglicht ihr lediglich eine zeit-limitierte Einreise. „Die Ämter sind recht streng und ich fühlte mich teilweise wie eine Kriminelle behandelt“, sagt sie. „Es gibt kaum noch direkte Ansprechpartner und man landet schnell in einem Callcenter irgendwo auf der Welt“, fügt sie an. „Wenn ich ein deutsches Amt anrufe, läuft das komplett anders“, lobt sie die deutschen Behörden. Deshalb habe sie auch ihren deutschen Nachnamen behalten, da eine Änderung einen unvorstellbaren Verwaltungsaufwand nach sich gezogen hätte. „In Australien sind wir die Chattelles und in Deutschland die Völcks“, lacht sie.

Geschenk an verstorbene Mutter

Trotz größerer kultureller Unterschiede als anfangs gedacht und wenig Freude mit den australischen Behörden genießt sie ihr Leben am anderen Ende der Welt, immer mit der Option im Hinterkopf, nach Hessen zurückzukehren. Bei der Bewältigung ihrer Trauer ist sie auch einen kleinen Schritt weiter. Ihre Mutter hatte ihr immer wieder mal davon erzählt, dass ab und an Artikel von Vogelsbergern im Ausland in der Oberhessischen Zeitung erscheinen und sie doch einmal von ihrem Leben auf dem sechsten Kontinent berichten soll. Der Artikel ist ein Geschenk an ihre Mutter und auch an die gerichtet, die zurückgeblieben sind - ihr Vater und ihr Bruder, alle Angehörigen, Freunde und die einzigartige Dorfgemeinschaft in Storndorf/Vadenrod.


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