22. November 2011 - Porträts & Personalien

Quelle: OZ Alsfeld u.a.

„Der Poldi kommt", raunt es seit 55 Jahren in den Dörfern

OZ-Artikel über Leopold Breiter vom 25. November 2006 anlässlich seines achtzigsten Geburtstages

Es sind schon fünf Jahre vergangen, seitdem in der OZ ein Artikel mit der obigen Überschrift erschienen ist. Am heutigen 22. November wird Poldi nun 85 Jahre alt. Deswegen schauen wir noch einmal zurück auf diesen Artikel und veröffentlichen gleichzeitig einige Bilder und ein Video vom Februar 2009, entstanden in der Schuhmacherwerkstatt von Poldi.

OZ-Bericht vom 25.11.2006 von OZ-Mitarbeiterin Margaret Perkuhn

„Der Poldi kommt", raunt es seit 55 Jahren in den Dörfern

Schuhmachermeister Leopold Breiter ist mit 80 noch täglich zwölf Stunden bei der Arbeit

STORNDORF. Genüsslich brummt die Ausputzmaschine vor sich hin in der urigen Werkstatt, aus dem alten Kofferradio hört man die Klänge gedämpfter Volksmusik. Dazu bubbert der Kompressor, mit drei ATÜ werden hier die Sohlen angepresst. Es riecht nach Leder, Schuhcreme - Gemütlichkeit wie aus einer weit vergangenen Zeit, Hommage an die 50er. Mitten in dieser Welt aus Schuhen, Stiefeln und Schlappen, Gürteln und Lochzangen, zwischen Ösenmaschinchen und Nähmaschine steht der Schuhmachermeister, der sich, wie es scheint, seit Urzeiten in keinster Weise verändert hat: Leopold Breiter aus Storndorf - am vergangenen Mittwoch riss die Schar der Gratulanten zu seinem 80sten Geburtstag kaum ab...

Volle Arbeitstage

Auch an diesem Tag gab es keinen Grund für "Poldi", den kleinen Schuhladen wenigstens für einige Stunden zu schließen. Immer noch in den Augen das jugendliche Blitzen. Der Humor, sein Lachen und die Zuverlässigkeit sind sein Markenzeichen. Bis heute hat Leopold Breiters Arbeitstag durchschnittlich zwölf Stunden. Für ihn gilt: „Arbeit schändet nicht und mir macht sie sehr viel Spaß!" Heidelbeeren ernten mit dem selbst gebauten Beerenkamm gehört genauso dazu, wie vor Kurzem im Wald 40 Meter Holz machen für den Winter. Über acht Säcke Kartoffeln hat er im Oktober aus der Erde geholt - mit dem Kartoffelroder im Schlepptau hinter dem alten Deutz 24, Baujahr 1956: "Er läuft wie die Feuerwehr!"

 Reparaturen - Kundenbesuche

In Poldis Schuhmacherwerkstatt wird alles repariert, was gebracht wird. Absätze, Motorradsitze, Sessel für den Operationssaal oder das durchgewetzte Ledersofa, Bulldogverdecke, riesenlange Reißverschlüsse für Reitstiefel und Zelte. So mancher Kunde, der von weither kommt. Dennoch, der Haupteinzugsbereich befindet sich zwischen Lautertal, Vadenrod, Obersorg, Untersorg, Hopfgarten und Rainrod. Wie von je her besucht der Schuhmachermeister seine Kunden am Samstag. Früher kam noch der Sonntag hinzu: „So hat es schon der Vater gemacht!" Derzeit bequem im VW Golf-Plus. Begonnen hat es nach dem Krieg mit einer DKW 200, vorne ein Rucksack mit Schuhen, hinten eine Kiste mit Schuhen. Stirnhöhlenvereiterungen im Winter waren an der Tagesordnung - trotz Fellmotorradmütze und dem selbst gebastelten „Schnauzer" aus Plastik vor dem Gesicht. Gleich geblieben ist der Ablauf eines Sonnabends über die langen Jahrzehnte. Gegen halb elf gibt es zu Hause ein gutes Mittagessen für Poldi, bevor er sich auf den Weg macht. „Wenn man tagsüber nicht zum Essen kommt, ist eine gute Grundlage morgens wichtig."

„Der Poldi kommt!", so raunt es in den Dörfern. Früher klopfte er von Haus zu Haus, Zeiten, in denen es kein Telefon gab. „Einen Sack wie für den Tierarzt haben sie für mich nicht rausgehängt!" Später wurde das Motorrad durch einen Lloyd ersetzt. "Da saß man schön im Trockenen, durch den Vorderradantrieb zog er gut durch die Schneewehen." Schon in den Anfangsjahren wollten die Leute immer viele Schuhe anprobieren. Und so wurden die jeweiligen Küchen mit Zeitungen ausgelegt, damit das Material der nagelneuen Fußbekleidung nicht litt.

Wermsdorf - Wehrmacht - Gefangenschaft

Geboren wurde Leopold Breiter als Sohn eines Schuhmachermeisters im Altvatergebirge im Kreis Mährisch-Schönberg. Mit 16 wurde er zum Militär eingezogen, seine Kriegserlebnisse würden Bände füllen. Während der Gefangenschaft Schwerstarbeit in tropischer Hitze in den Baumwollfeldern Louisianas. Klapperschlangen gehörten zum knallharten Alltag. Endlich - nach zwei Jahren die Fahrt auf dem Dampfer in die Heimat. Versprochene Freiheit war Fehlanzeige, in Le Havre erfolgte die Festnahme durch die Franzosen, es folgten zwei Jahre Arbeitslager in einem Bergwerk in Andorra.

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Elternhaus von Leopold Breiter in Wermsdorf, Kreis Mährisch-Schönberg (Altvatergebirge)
Links: Poldis Eltern  / Rechts: Aufnahme aus dem Jahre 1990 ca.

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Zwei Aufnahmen des Ortes Wermsdorf. Links und rechts oben: 1930 / rechts unten: 1968

Am 18. Oktober, nach der endgültigen Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, trafen sich durch Zufall drei, die in den Vogelsberg wollten, im Bahnhof von Frankfurt am Main. Eine Flasche Wein wurde erstanden, gemeinsam geleert. Zusammen kehrten Heinrich heim nach Engelrod und Werner nach Lanzenhain, Poldi führte es nach Storndorf, wo seine Eltern nach der Vertreibung eine Bleibe gefunden hatten: ein Zimmer, das über Jahre diente als Werkstatt, Schlafzimmer und Küche.

Familie

1952 heiratete Leopold Breiter die aus Stomdorf stammende Ella. Drei Töchter, ein Sohn stammen aus dieser Ehe, neun Enkel kamen bis heute dazu. Natürlich hatten sie sich so einiges einfallen lassen zum Festtag von Poldi. Und er? Immer ein fröhliches und zuversichtliches Wort auf den Lippen versteht nur eines an der Sache nicht: Ja, noch emoll, wo sind sie hin die Jahre?! Wo?" Den restlichen Kommentar in Bezug auf die Schuhmacherwerkstatt am steilen Hang des Ortsrandes liefert Tochter Birgit: „Aufhören? Iss nicht! Wer hat schon das Glück mit 80 noch so zu sein wie unser Peppsi!"

Bilder vom 17. Februar 2009

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Video vom 17. Februar 2009


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