24. Mai 2018 - Porträts & Personalien

Quelle: OZ Alsfeld, 24.05.2018

Natur hält ihn in besonderer Weise gefangen

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Auf der Pirsch im Hohen Vogelsberg: Adolf Tausch mit seiner Deutsch-Drahthaarhündin Kati. Foto: Perkuhn

BRAUERSCHWEND - (mpe). Als Jurist, als gefragter Spezialist in Sachen Jagd, Jagdrecht und Naturschutz, als Sportler, der unter anderem seit über vier Jahrzehnten regelmäßig alle zwölf Monate sein Sportabzeichen in Gold absolviert, als Oberst der Reserve bei den anstehenden Reserveübungen durchweg dabei, als Weinkenner an der Volkshochschule des Vogelsbergkreises und nicht zuletzt seit Neuestem mit Hingabe an der Drechselbank zu erleben: Adolf Tausch aus Brauerschwend, er wird am heutigen Donnerstag 80 Jahre alt.

Strotzend vor Gesundheit, bis heute fast jeden Tag mit Kati, der lebhaften Deutsch-Drahthaar-Hündin, in seinem Vogelsberger Jagdrevier auf der Pirsch. Anschließend derzeit dabei, im Garten und weiter draußen Blühstreifen für Bienenweiden auszusäen. Danach geht's regelmäßig einige Stunden an den Computer. Momentan schreibt Tausch als Mitautor an dem "Standard-Kommentar" für das "Bundesjagdgesetz". Allein die vollständige Auflistung seiner Ehrenämter und Auszeichnungen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz am Bande und das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold, würde ganze Seiten füllen.

Aktenzeichen XY

Geboren am 24. Mai 1938 im Egerland bei Karlsbad, besuchte Tausch für kurze Zeit dort die Schule - bis die Lehrerin bei ihrem Heimaturlaub bei einem Bombenangriff in Würzburg ums Leben kam. Von da an fiel der Unterricht in dem 100-Einwohnerdorf mit den weit verstreuten Gehöften aus. Mai 1946: Es erfolgte die Vertreibung aus dem Egerland. Damals blickte Tausch mit acht Jahren den bewaffneten tschechischen Soldaten ins Gesicht. Als sie im Frühjahr 1946 - wie aus dem Nichts - vor der Mutter und den weiteren drei Geschwistern standen. "In zwei Stunden müsst ihr das Haus verlassen", so der harsche Kommandoton in gebrochenem Deutsch. Mitnehmen durfte jedes Familienmitglied 25 Kilo im Rucksack. Über die Straße rüber folgte der "Umzug" ins örtliche Gemeindehaus. Für mehrere Wochen durften alle herüberschauen auf das, was einmal war. Auf die Kühe, die Katzen, die Pferde, die Schweine, auf Heu und auf Stroh. Nur der Großvater hatte die Order erhalten, täglich den Besetzern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen bei der Bewirtschaftung des Hofes. Zum Schlafen musste er wieder zurück ins Gemeindehaus. Später die Fahrt im dunklen, stickigen Eisenbahnwaggon, in dem zuvor unter anderem KZ-Häftlinge transportiert worden waren. Wieder konnte der Achtjährige beobachten: "Wie auf einer hochglänzenden Fotografie ist mir dieses Bild vor Augen. Nachdem ich als Lausbub bis zu den Fensterluken des Waggons hochgeklettert war, konnte ich durch die Luken gucken: Vor mir der Bahndamm, übersät mit weißen Armbinden mit dem großen schwarzen Buchstaben "N"!" "N" bedeutete auf tschechisch "deutsch". Zu tragen waren diese Armbinden vom Erwachsenen bis zum Kleinkind. Damals von den Deutschen in den besetzten Gebieten des Sudetenlandes. Beim Grenzübertritt nach Deutschland hatten wohl alle diese brandmarkenden Kennzeichen wie in einer Art Befreiungsschlag vom Oberarm heruntergerissen und aus dem Zug geworfen. Nach Tagen endete die Fahrt in Vadenrod, als dort die Mutter und drei weitere Geschwister mit anderen von der voll besetzten Ladefläche vor dem Haus des damaligen Bürgermeisters "abgekippt" wurden.

So wuchs er im Vogelsberg auf. Mit der Vorliebe für die Naturwissenschaft, als Schüler zur Taschengeldaufbesserung immer unterwegs als freier Mitarbeiter für die Oberhessische Zeitung, absolvierte Tausch 1958 das Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Alsfeld. Begeisterter Handballer war er während der Schulzeit und 22 Jahre danach; parallel erfolgte der Start als Schiedsrichter in Kreis- und Bezirksliga und bei Turnieren in dieser Sportart. 1963 das Erste Staatsexamen als Jurist in Marburg. Während des Examens kam die Einberufung zur Bundeswehr. Anstatt 18 Monaten Wehrpflicht entschied er sich für die Offizierslaufbahn auf Zeit für drei Jahre. Nach dieser Zeit durchlief er das juristische Referendariat. Bis zu seinem "Ruhestand als Reservist" leistete Tausch über dreißig Wehrübungen in unterschiedlichen Verwendungen, zuletzt vertrat er als Oberst der Reserve mehrfach den Brigade-Kommandeur. Was das zweite Staatsexamen seines Jurastudiums betrifft, so schloss er dieses 1970 ab. Direkt im Anschluss begann die Laufbahn in den Diensten der Hessischen Justiz. Zunächst für drei Jahre als Staatsanwalt in Frankfurt beim "Sonderdezernat Schwerpunktkriminalität", Fälle aus dem Rotlichtmilieu gehörten zur Tagesordnung, der eine oder andere Mord im düsteren Terrain flimmerte über den Bildschirm in der ZDF-Serie "Aktenzeichen XY". "Eine innere Distanz zu den Dingen zu haben, war mir immer wichtig", so Tausch. Außerdem war da immer noch jedes Wochenende die Heimkehr in den Vogelsberg: "Eine Nacht auf dem Hochsitz, morgens der Sonnenaufgang und du hast alles vergessen." Die Natur hielt ihn immer in ganz besonderer Weise gefangen. Nicht zuletzt in der Verquickung mit seinem ausgeprägten sportlichen Ehrgeiz. 1988 war es, als er diese Aussage von Reinhold Messner hörte: "Ich gehe alle vierzehn Achttausender ohne Sauerstoff." Daraufhin folgte, in seinem ihm oft eigenen hintergründigen Humor "eigentlich mehr aus Spaß", der Beschluss: "Gut, dann gehe ich 28 Viertausender - auch ohne Sauerstoff." Wohl gemerkt in den Alpen. Komplett setzte der damals 45-Jährige im Verlauf der folgenden Jahre sein Vorhaben in die Tat um. Besonders in Erinnerung geblieben ist dabei ein höllisches Gewitter über 3000 Meter in einem Gebirgszug im schweizerischen Sas Fee. Bei dem permanent abspringende Funken vom Brillenrand sich in die Gesichtshaut einbrannten, "da habe ich wirklich mein Testament gemacht." Einige Stunden zuvor hatte Tausch bereits den professionellen Führer der vierköpfigen Seilschaft aus einer nicht zu erkennenden Gletscherspalte heil herausgeholt. Zu seiner "Sammlung" gehören unter anderem die Jungfrauengruppe, etliche Gipfel im Monte-Rosa-Massiv, der Mont Blanc, das Matterhorn.

In Ausnahmesituationen

Die Sache mit der Menschenkenntnis bringt der Jurist so auf den Punkt: "Als Staatsanwalt oder als Richter erlebst du durchweg Menschen in Ausnahmesituationen, sitzt ihnen direkt gegenüber und schaust ihnen ins Gesicht." Gewisse gesellschaftliche Entwicklungen sind Adolf Tausch zuwider. Dazu gehört zum Beispiel das immer mehr um sich greifenden oberflächliche vorschnelle Urteilen über Personen oder Gegebenheiten. Aber solche Themen werden am heutigen Geburtstag ausgespart. Wenn der Sohn und die Tochter mit drei Enkeln anreisen, wird im Familienkreis gemütlich gefeiert. Natürlich nicht ohne Kati.


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