14. Juli 2018 - Porträts & Personalien

Quelle: OZ Alsfeld, 14.07.2018 / Margaret Perkuhn

"Der Faden zur Natur ist gerissen"

steinke

Förster Thomas Steinke kann jetzt viel Zeit in der Natur zu verbringen. Außerdem kann er sich dem Auffüllen seiner Brennholzvorräte widmen. Foto: Perkuhn

STORNDORF - (mpe). Mit Sicherheit war es nicht nur einer für Thomas Steinke: dieser unverwüstliche Kindheitstraum vom Beruf des Försters. Ein Forsthaus mitten im Wald, Familie, Kinder, ein Hund, dazu ein Jagd- und Forstrevier mit vielen verschiedenen Wildtieren und einer abwechslungsreichen Fauna. Träumen steckt die Realität meist unerbittlich harte Grenzen und sie erfüllen sich nicht bedingungslos.

Aber man kann, wenn alles gut geht, relativ nah drankommen. Und so ließ Thomas Steinke seinen Traum vom Försterberuf nicht einfach wegfliegen, genauso wenig wie er 2013 seine Vision von einer Weltreise nicht unerfüllt verpuffen ließ. Jetzt ist es so weit, dass er in Ruhe in seinem romantischen Blockhaus am Ortsrand von Storndorf Geschehnisse und oft unvergessliche Erlebnisse Revue passieren lassen kann. Vor wenigen Tagen ging der 63-Jährige als Revierförster vom Forstrevier Schwalmtal in den Ruhestand. Sein Engagement für den aktiven Naturschutz indes wird weitergehen, nicht nur beim NABU, sondern vor allen Dingen auch in Bezug auf die "Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz im Vogelsbergkreis".

Katzenbaby gerettet

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf bei Ockstadt im Wetteraukreis mit zwei Geschwistern als Sohn einer Lehrerfamilie, Verwandte bewirtschafteten einen Bauernhof, ein Urgroßonkel war Jäger - so zog es ihn von klein auf in die Natur. Mit seinem damaligen Freund stromerte er durch dick und dünn, war unterwegs bis in die angrenzenden Wälder vom Taunus. Robben durch verwachsenes Unterholz, Klettern auf verbotene Hochsitze, um Wild zu beobachten, erwischt und wütend davon gejagt werden. Einmal beobachteten die beiden Freunde, wie jemand mit einem schweren Stein permanent auf einen Sack einschlug. Letzterer wurde schließlich zurückgelassen, die Jungen schlitzten ihn mit ihren Taschenmessern vorsichtig auf. Kläglich das Miau des winzigen und einzigen Kätzchens, das überlebt hatte. Es wurde eingewickelt in den Pullover, nach Hause getragen und avancierte zur langjährig geliebten Hauskatze der Familie.

Forstpraktikum

Nach dem Abitur 1974, dem Grundwehrdienst und einem begonnenen Studium der Agrarwissenschaften sowie einem einjährigen Forstpraktikum in Ober-Ursel, schloss Thomas Steinke 1980 an der Hessischen Landes-Forstschule in Schotten seine Ausbildung zum Forstinspektor-Anwärter ab. Zunächst konnte der begeisterte Naturschützer unterkommen in Revieren unter anderem im südlichen Spessart und in Königstein. Nach der zweiten Laufbahnprüfung erfolgte die Einberufung zur Bezirksdirektion für Forst- und Naturschutz in Darmstadt. Erste Frontalkollision mit den ursprünglichen Träumen von seinem gewählten Beruf, erinnert sich Thomas Steinke: "Draußen in der Natur, Fehlanzeige. Nur alles das galt es zu erledigen, was mit Förster überhaupt nichts zu tun hatte. War schon eine nicht so schöne Zeit für mich." Irgendwann klappte es mit einer Bewerbung. Umzug für fünfeinhalb Jahre nach Weiterstadt, das dortige Revier, zerschnitten von Autobahn und Eisenbahnlinie, wollte niemand haben. Eben eins im Ballungsraum mit einem Großteil von Gebieten für Erholung, mit viel Kiefernwald, sogar mit einem Wohnmobilstrich. Aber: "Wir hatten ein eigenes Forsthaus außerhalb vom Ort." Dort begann das Hobby, was Thomas Steinke später bei seinem arbeitsintensiven Blockhausbau in Storndorf schweren Herzens aufgab: die Imkerei. "Heute weiß ich, dass die Bienen mir die Augen für die kleinen und wesentlichen Dinge in der Natur geöffnet haben."

Umzug nach Storndorf

1987 der Tag X, an dem das Traumrevier im Vogelsberg frei wurde. Als junger Forstoberinspektor übernahm Thomas Steinke das damalige Revier Storndorf. "Mich faszinierte damals wie heute ganz besonders die immense Pflanzenvielfalt, die man hier auf dem Basalt vorfindet." Mit Hühnern, Gänsen, Bienen, Hund und Jagdtrophäen erfolgte der Umzug in den Vogelsberg. "Die Leute vom Umzugsunternehmen haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen." Nicht in Erfüllung ging der Wunsch nach dem "mitten im Revier wohnen", das meiste andere im 970 Hektar-Revier war schön und im Vergleich zu heute recht überschaubar. Neben Waldpädagogik, die er an Grundschulen anschaulich vermittelte, konnten Naturschutzthemen aufgegriffen und intensiv aufgearbeitet werden.

Gesellschaftlicher und struktureller Wandel erfasste auch das Försterleben, unter anderem schnellte das Verbringen von viel Zeit am Computer sprunghaft in die Höhe, immer mehr vergrößert wurden die Reviere: "Heute sind es im Revier Schwalmtal nach den verschiedenen Strukturreformen circa 1700 Hektar, die nächste Reform steht vor der Tür, dann werden es an die 2200 Hektar sein." Fest angestellt waren früher beispielsweise fünf Waldarbeiter und ein Haumeister, heute sind es drei Forstwirte und ein Forstwirtschaftsmeister, die sich drei Reviere teilen müssen.

Eingebracht wird die Holzernte derzeit mit mächtig großen Harvestern, früher wurde der Holzeinschlag manuell betrieben; mit Pferden gerückt wird schon lange nicht mehr. "Vieles durchaus Notwendiges in Forst und Natur ist auf diese Weise für einen Förster nicht mehr leistbar." In der Stimme von Thomas Steinke schwingt unüberhörbar ein Stück Resignation mit. Damit steht er nicht allein unter seinen Kollegen, für die zukünftig zusätzlich noch ein Nachwuchsmangel absehbar ist. Thomas Steinke setzt noch eins drauf: "Der Faden zur Natur ist gerissen."

Auf Weltreise

Vor sieben Jahren wuchs die Idee, noch einmal ein bisschen mehr von der Welt zu sehen. Steinke und seine Frau Renate machten sich innerhalb eines Sabbatjahres für neun Monate auf zum amerikanischen Kontinent. Auf staubigen Schotterstraßen Braunbären in Kanada begegnen, dort sein, wo der mächtige Wapiti-Hirsch sein gemütliches Mittagsschläfchen auf der Kreuzung macht. In Panama in einer Imkerei die Killerbienen erleben. "300 Meter vor den Bienenkästen musste man sich die Schutzanzüge anziehen, Gummistiefel, alles zukleben." Costa Rica mit seinen unvergesslichen Nationalparks, Kuba mit einem recht abenteuerlich-schwierig anmutenden Grenzübertritt.

Argentinien, Chile, Bolivien, Peru, überall die unbändige Kraft der Natur spüren. Und was hat der Naturliebhaber heim mit in den Vogelsberg genommen? "Für mich zählt nach dieser Reise eine andere Werteeinstellung. Gewinnstreben, Hektik, Schnelllebigkeit ist etwas, was für mich nicht mehr erstrebenswert scheint." Spricht´s und geht nach draußen zu seinem sauber und kreativ gestalteten Brennholzstapel. Eigens dafür hat die Nachbarin Sommerblumen besorgt. Um damit dem Kasten in der Mitte des imaginären Fensters einen leuchtenden Kick zu geben.


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