31. Mai 2020 - Gruppenpfarramt Vogelsberg - Tägliche Andacht

von Pfr. Peter Weigle

Predigt und Gebete für Pfingsten 2020

Kyrie-Gebet

Du, Gott, willst die Erde erneuern,
aber wir bleiben lieber die alten.
Du schenkst Freiheit,
aber wir sind ängstlich und eng.
Wir machen uns Sorgen
über unsere Gesundheit, über das Klima,
über die Zukunft.
Du aber gibst Hoffnung.
Leider ist unsere Gleichgültigkeit
Immer wieder stärker als unsere Zuversicht.
Geist Gottes, geheimnisvoller Atem des Lebens,
hauche uns an, damit wir leben,
ohne dich sind wir tot.
Komme in Feuer und Flammen,
mache uns trunken von der Liebe.
Wir sind erstarrt, taue Du uns auf!
Wir möchten glauben, hilf unserem Unglauben.
Wir möchten lieben, hilf unserer Lieblosigkeit
Kyrie eleison
Herr, erbarme dich!

 Predigt

Das Pfingstfest steht im Zeichen des heiligen Geistes und der Gemeinschaft. Wir fühlen uns eher von allen guten Geistern verlassen und überwinden gerade gegenwärtig mühsam Vereinzelung und Distanz. Größer könnte der Gegensatz kaum sein.

Die Theologen und Dogmatiker vergleichen den Pfingstgeist gern mit dem Wind, dann sperren sie den Wind umständlich und mehrfach gesichert in ihre Kategorisierungen und Verordnungen und jammern, weil er nun nicht mehr weht.

Meine Kollegen im geistlichen Amt vergleichen den Pfingstgeist mit Sturm, Brausen und Feuer, doch in den Kirchenbänken bleibt es seltsam ruhig, abgesehen von manch verstohlenem Blick auf die Uhr. Der Geist weht, wo er will, - meistens ist er in seinem himmlischen Ratschluss gerade woanders, - und wir fahren fort mit unseren üblichen Geistlosigkeiten.

Wir tun uns schwer mit dem Glauben, wir tun uns schwer mit der eigenen Konsequenz, wir tun uns schwer mit Pfingsten. Obwohl mit Ostern zusammen das christliche Hochfest, bleibt Pfingsten blass, seltsam amorph und vernachlässigt. Jeder von uns wüsste Weihnachts- oder Osterbrauchtum aufzusagen, aber wer wüsste etwas Entsprechendes über Pfingsten mitzuteilen? Dieser Tag im Zeichen des Heiligen Geistes, im Zeichen gottinniger Begeisterung und Gemeinschaft, dieser Tag, an dem die Kirche wurde, bleibt merkwürdig unterbelichtet und manchmal bleibt nur noch übrig, was uns ‚auf den Geist geht’.

Wie viel Wundern und Staunen unterlassen wir Tag für Tag, wie viele Freundlichkeiten und Freundschaftsdienste bleiben ungetan, wie viele unserer Begabungen sind noch nicht ans Licht geholt, wie viele unserer Hoffnungen haben wir im Alltagsgewusel aus dem Blick verloren, wie viel Schwachsinn haben ich und du bei uns noch nicht abgestellt? Wir bräuchten so viel Pfingsten, so viel Inspiration und Begeisterung. Ja, komm, Schöpfer, heiliger Geist. O komm, Du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein.

Weil Pfingsten in unseren Herzen und Köpfen üblicher Weise so wenig verankert ist, wollen wir uns hier noch einmal vergegenwärtigen, worum es im Rahmen von Pfingsten geht, mehr noch, wir wollen Pfingsten, Geist und Begeisterung miteinander teilen. Die klassische Geschichte vom Pfingstwunder aus Apostelgeschichte 2 hatten wir bereits als Schriftlesung gehört:

Fünfzig Tage nach Ostern, etwa, waren die Jünger und ein paar Hinzugekommene beieinander, alle an einem Ort in Jerusalem. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; Heiliges setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an, verzückt zu reden in Sprachen, wie der Geist ihnen gab, es auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem auch Juden aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam eine Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Was hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Pleter: wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes reden. Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

In der Geschichte vom Turmbau zu Babel erzählt die Heilige Schrift, die Heilige Bibliothek ‚Bibel’ quasi eine Geschichte, die quasi das Gegenteil des Pfingstwunders darstellt. Die Menschen-Gemeinschaft verliert in ihrem Streben nach eigener Größe ihr Verständnis füreinander, sie zerfällt in unterschiedliche Sprachen und Ausdrucksformen. Pfingsten in Jerusalem lässt den Geist des Verstehens wieder aufleben und spürbar werden. Babylon steht für Macht, Übersicht, strategische Herrschaft, auf die andern herabzublicken, sie zum Dienen zu zwingen durch Angst. Pfingsten, Jerusalem: Das steht für ‚ein Herz und eines Sinnes werden’. Babel ist Herrschaft, Knechtschaft, Egozentrik: Pfingsten ist: Sympathie, Einig-werden-wollen, Einswerden. Pfingsten ist der Festtag der Kommunikation und der Gemeinschaft. Über die ersten Christen, eben noch erschüttert, verunsichert weil ihr Lehrer, Wegweiser, Führer nicht mehr unter ihnen war, kam ein Feuer, das sie so noch nicht gekannt hatten und das zugleich inniger, wahrer, wesentlicher war als alles zuvor. Sie fanden sich als Teile eines großen Gottesgewebes wieder, wussten um ihre grundsätzliche Verbundenheit. Sie fühlten sich eins und es war ihnen, als schwebten über ihren Häuptern Flammen. Ihre Herzen und Seelen wurden zusammengetan, und dann machten sie in der Folge auch gemeinsame Kasse und teilten das Ihre untereinander und mit all jenen, die der Unterstützung bedürften.

Aus den Ichs wurde ein Wir. Es entstand begeisterte Gemeinschaft, die Urform der Kirche. Sie wurden eines Sinnes, ein jeder hörte in seiner Sprache die großen Taten Gottes. Eine kleine Vereinte-Nationen-Versammlung, eine ‚Eines-Herzens-Versammlung’: Parther und Meder und Elamiter, Kreti und Pleti, Einwanderer aus Rom. Der Glutkern der Kirche: Begeisterung für die Liebe, ein Verständnis schafft Einverständnis, ein Begreifen schafft Ergriffenheit. Aber am Rand stehen immer auch die bekannten Skeptiker: Da wird nie was draus, der Mensch ändert sich nicht, die von der Jesusgemeinde sind Träumer, sie sind voll süßen Weines.

Dabei sehnen wir uns doch alle nach Geist, nach Tiefe, nach Berührung. Wir sehnen uns nach dem Geist, der die Dummheiten der Ichverhaftung aufbricht und unsere Verhängnisse und individuellen Teufelskreisläufe durchbricht. Geist ist die Energie, die Leben schafft und zum Leben anstiftet. Geist ist, was uns nie ganz zur Ruhe kommen lässt und zugleich tiefen Frieden schenkt. Geist ist die uns entgegenkommende all-gegenwärtige Zuwendung Gottes. Geist ist die Kraft, die zur Liebe beflügelt und zum Einsatz für Andere, Geist ist die Energie, die zur Freude anstiftet, die unserer Schwachheit aufhilft, Geist ist die Power, die uns Schönes hervorbringen lässt, die uns klug macht, Geist ist die Kraft, die Wahrheit achten lehrt, die uns verantwortlich macht für das Gelingen des Lebens. Geist ist auch die Begeisterung für Jesus Christus, diesen wunderbaren Menschen, den großen Menschheitslehrer, der verkörperte wie ein Leben aus Gottvertrauen und Gottesgewissheit aussehen kann.

Geist ist auch der Stoff, der uns Menschen zusammenführt, nicht die üblichen Geplänkel und Manöver zwischen unseren sorgsam gepflegten Masken, sondern uns zusammenführt durch Begeisterung füreinander, miteinander. Geist ist, wo wir wir selbst sein dürfen, um unserer selbst willen geschätzt und geachtet werden und andere um ihrer selbst willen achten und ehren. Heiliger Geist ist die Energie zur Sympathie, wörtlich zum Mitgefühl. Die ersten Christen wurden von dieser Energie am Pfingstmorgen überwältigt, entflammt, erfüllt, erleuchtet, verzaubert, verwandelt, gezeichnet. Sie verstanden – sich, die Welt, die anderen. Ohne die Beatmung durch den Geist und ohne unsere eigenes aktives uns Erinnern, ob in Gesang, Gebet, Andacht und Gottesdienst würde unser geistiger Kräftehaushalt ersticken, vermüllen, gerinnen.

In unendlich vielen Spielarten, Weisen, Sprachen, Chancen, Programmen treibt der Schöpfergeist seine Geschöpfe an, geist-voll, lust-voll, fried-voll, liebe-voll, lebensprall, gemeinschaftsdurstig zu sein. Und macht uns zu Missionaren des Gemeinsamen, des beflügelten, glückenden, intensiven Daseins. Also hat Gott nicht nur die Welt geschaffen und sie dann ausgesetzt, sondern betreibt sie und uns mit ihr mit dem Treibstoff des Geistes.

Was damals geschah, das soll auch uns geschehen. Christen deuten Anderen die Wirklichkeit als gottvoll, als voll der Energie und der Taten Gottes. Das Leben in allen Facetten, auch wenn wir nicht übersehen, wie das angehen kann, das Leben mit allen Zufallsschlägen ist ein beseeltes Schöpfungswerk, in dem Gott wirkt und präsent ist.

Geschehenes ist ja überhaupt nicht geschehen, solange es nicht entdeckt wird, solange es nicht ausgesprochen wird, nicht nachvollzogen wird, nicht bewertet wird, nicht andern etwas bedeutet. Es gilt auch: Pfingsten ist in dem Maße, in dem wir uns erinnern und selbst Gottes Freundlichkeit austeilen.

Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen; Wir wissen, wir sind von guten Mächten wunderbar geborgen, aus ihnen gemacht, von ihnen entflammt, erfüllt. Wenn wir diese Kräfte teilen, vermehren sie sich noch. Geist ist, was sich vermehrt, wenn man es teilt. Gottes Geist ist in uns, mit uns, um uns. Lebe, was Dich be-geistert, und alles andere wird Dir zufallen.

So einfach ist Pfingsten – bis heute – bis in Dich hinein und durch uns hindurch. Amen

Gott, der Herr, segne Dich und behüte.
Er erhebe sein Angesicht auf Dich und sei Dir gnädig.
Er segne Dich mit Freundschaft und Liebe
Und berge Dich unter den Flügeln seiner Zuwendung.
Gott mache Dein Herz weit
Und Dein Herz und Deine Sinne seien getränkt mit Gnade.
Gehe hin im wunderbaren Frieden Gottes.

Amen

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