31. Dezember 2018 - Gruppenpfarramt

Quelle: OZ Alsfeld, 31.12.2018 / Von Margaret Perkuhn

Pfarrerin wird „Vogelsberg sehr vermissen"

Nach zwölf Jahren verabschiedet sich Susanne Gessner aus Pfarrhaus von Groß-Felda / Neue Stelle als Seelsorgerin in Uniklinik in Gießen

susanne gessner

GROSS-FELDA. Hell leuchtet der große Stern im Fenster des Pfarrhauses von Groß-Felda von Weitem entgegen, hält den Blick für einen Moment faszinierend fest. Noch kurze Zeit - und nicht nur sein Licht wird hier ausgehen. Dann werden Umzugskisten, Taschen, Koffer und „allerlee Geriehr" von Pfarrerin Susanne Gessner ihren Platz inmitten des prächtigen Gartens im beschaulichen Dorf im Feldatal verlassen haben.

Umgezogen werden sie sein in ein neues Zuhause, in eine kleine Wohnung mit Balkon, mitten in der Innenstadt von Gießen. Bereits zu Beginn des neuen Jahres ist die nun vakante Pfarrstelle der Kirchengemeinde Groß-Felda, Kestrich und Windhausen ausgeschrieben.

„Ist es wirklich schon so lange her?" Fragend blicken die freundlichen Augen der Pfarrerin hinaus aus ihrem Büro auf die mit Raureif überzogenen kahlen Sträucher, an denen im Sommer Rosen ihre volle Blütenpracht zur Schau tragen. Jetzt in der kalten Winterluft, zwischen ruppigen alten Apfelbäumen, sind hier Vögel unruhig unterwegs auf Futtersuche. Noch einmal stellt sich die Pfarrerin leise, fast ein wenig ungläubig die Frage: „Wie lange ist es her?" Dass sie abends nach der Feier des bestandenen zweiten Examens für Theologie auf einer Bank hoch über Elbenrod bei Alsfeld gesessen hat? Dort in der Abgeschiedenheit zur Ruhe gekommen, spontan, von einem Moment zum anderen, fällte Susanne Gessner damals ihre Entscheidung: „Hier im Vogelsberg möchte ich leben. Hier werde ich meine erste Pfarrstelle antreten!" Im Juli 2006 war es soweit: Vor nunmehr zwölfeinhalb Jahren übernahm die damals 36-Jährige das Pfarramt von Groß-Felda, Kestrich und Windhausen. Ausgestattet mit einer dicken Portion Gelassenheit und mit dem ihr eigenen besonderen Einfühlungsvermögen machte sie sich an die Arbeit in den genannten Kirchengemeinden, auch der evangelische Kindergarten von Groß-Felda gehört mit dazu. Nicht lange dauerte es, bis eine gewisse Grundruhe eingekehrt war in den nicht zuletzt durch häufige Amtswechsel in den davor zurückliegenden Jahren etwas aufgescheuchten Pfarrgemeinden. „Zwölf schöne Jahre, die ich in meinem Leben nicht missen möchte!", so sieht es Susanne Gessner heute in ihrem Rückblick.

Schon als Kind verinnerlichte sie die damalige Beschaulichkeit ihres Heimatdorfes im Kreis Marburg-Biedenkopf. Unter einem Dach mit Urgroßeltern, Großeltern, mit ihren Eltern und zwei älteren Brüdern wuchs sie auf, umgeben vom Duft frisch gekochter Marmelade und selbst gezogenem Gemüse aus dem Garten. In Tracht, mit Häubchen auf dem Kopf, schälte die Urgroßmutter Äpfel zum Einkochen nach der Ernte. Hier konnten sich Grundpfeiler von Warmherzigkeit und eines in sich ruhenden und ausgeglichenen Wesen der heutigen Pfarrerin Stück für Stück fest verankern. Über 20 Jahre war der Vater Kirchenvorsteher, die Mutter leitete den Kinderchor, den Susanne Gessner von klein auf besuchte. Bis heute gehört das Singen zu ihr, durchgängig war sie aktiv in verschiedenen Chören. Seit 2007 singt sie im „Gospelchor Ober-Breidenbach" mit.

Was ihren beruflichen Werdegang bis zum Antritt ihrer Pfarrstelle in Groß-Felda angeht, so hatte Susanne Gessner bis dahin unter anderem ihr Vikariat in Frankfurt am Main absolviert. Ursprünglich hatte sie nach dem Abitur in Gladenbach den beruflichen Weg einer Lehrerin für das Gymnasium eingeschlagen mit den Studiengängen Germanistik und Theologie. Theologie war dabei durchgängig der Schwerpunkt. Aufgrund dessen beschloss sie nach dem zweiten Staatsexamen als Gymnasiallehrerin, dass „das Korrigieren von Deutscharbeiten nicht zu meiner Lebensaufgabe werden sollte". Während sie in ihrem alten Studienort in einem Cafe jobbte, fiel die Entscheidung, „es doch mal mit dem Pfarramt zu probieren". „Eine Entscheidung, die ich nie bereut habe!", davon ist Susanne Gessner bis heute überzeugt.

Fest angestellt im Vogelsberg, kam der jungen Pfarrerin zugute, dass sie selbst auf dem Dorf aufgewachsen war. Mit dem dortigen Dialekt, der, wie sie sagt, „gar nicht mal viel anders ist als der im Vogelsberg". Weswegen sie von Beginn an in ihrer Tätigkeit im Feldatal nie Schwierigkeiten gehabt habe, Unterhaltungen wie etwa bei Geburtstagsfeiern oder Ähnlichem zu folgen. Amüsiert erinnert sie sich an eine Situation, in der ihr eine ältere Dame lebendig in waschechtem „Fealler Platt" Geschichten aus ihrem Leben erzählte. Und ungefähr nach einer halben Stunde ungebremsten Erzählflusses plötzlich mittendrin fragte: „Frau Pfarrer, verstieh sie iwwerhäbt Platt?" Generell gab es jedoch eine Menge, die Susanne Gessner dazu lernte. So brachten ihr beispielsweise Männer der Feuerwehr bei, wie man ein perfekt hoch gestapeltes Osterfeuer mit einer Fackel entzündet. Wobei die Pfarrerin bei diesem Procedere einmal den lauten Zuruf eines kleinen Jungen sehr ernst nahm: „Ej, Frau Gessner, pass off, dass de der net de Kittel verbrennst!"

Neben ihrer engagierten Tätigkeit als Pfarrerin und Seelsorgerin bewältigte Susanne Gessner zahlreiche Baustellen in ihrer Gemeinde mit Bravour. Das waren nicht nur die neuen Fenster und die Dachbodensanierung im Kindergarten von Groß-Felda und dessen Renovierung der Außenanlage, oder die Dachsanierung des evangelischen Gemeindezentrums in Groß-Felda, bei der ein kleiner Bagger auf das Dach gehoben werden musste. Die Außensanierung der Kirche von Kestrich gehörte dazu wie die Renovierung ihres Daches, um nur weniges an dieser Stelle zu nennen. „Jedes Jahr gab es eine neue Baustelle", erinnert sich die Pfarrerin. Hieß: sich einarbeiten in die Gegebenheiten, Anträge stellen, die notwendigen Finanzierungen auf die Beine bringen. In allen Fällen half die jeweilige sehr gute Zusammenarbeit mit den Kirchvorständen. „Nerven wie Drahtseile" brauchte sie allerdings durchgängig bei all diesen Projekten in jedem Falle. Noch nicht abgeschlossen ist derzeit das größte Bauvorhaben, die Restaurierung der Kirche von Windhausen. Hier wird in beispielhafter Weise der ursprüngliche Zustand des Gebäudes im neo-klassizistischen Stil wieder hergestellt. Immer wieder vor Ort präsent sein hieß es für die Pfarrerin. Unerschrocken auf frei schwebenden Gerüsten viele Meter über der Erde „herumturnen", wobei Susanne Gessner diesbezüglich im Laufe der Zeit peu ä peu ihre ursprüngliche Höhenangst weitgehend abtrainieren konnte. Einmal den eisigen Wind auf der letzten kleinen Leiter an der Kirchturmspitze schnuppern, der die Pfarrerin leise hin- und herdrückte zwischen der fesselnden Weite des Horizonts und dem flauen Gefühl - „doch ganz schön mulmig". Es waren unvergessliche Minuten, in denen die Erinnerungen, warum auch immer, wie aus dem Nichts in den Kopf schössen. „Es waren Erinnerungen an die wunderschönen Ausflüge, die wir mit den Angestellten und Kirchenvorständen im Laufe der Jahre erleben durften." Wanderungen nach Stumpertenrod zur Sternwarte und zum Hähnchen essen. Der Besuch des Luther-Spiels in der oberfränkischen Naturbühne. Ein Tag in Thüringen, ganz im Zeichen von Johann Sebastian Bach. Mit dem Evangelischen Posaunenchor Groß-Felda unterwegs sein in ehemals böhmischen Gefilden auf den Spuren von Ernst Mosch. Mit einem Ruck ging es zurück in die Realität auf der kleinen Leiter, die „wie in den Himmel führte", der Abstieg vom Turm bei voller Konzentration war angesagt.

Ob Berlin, Frankfurt oder bis vor wenigen Tagen „den anderen Takt des Lebens" kennenlernen in dem von Krieg geschüttelten und gleichermaßen westlich orientierten Beirut im Libanon während eines dreimonatigen Studienaufenthalts - immer wieder steht Susanne Gessner mit einem Bein in der Großstadt. Gleichzeitig liebt sie das Leben auf dem Land, dort, wo man sich gegenseitig hilft, wo das „du" zu Hause ist, wo man aufeinander Acht gibt Mit der dazugehörigen Kehrseite, „dass man nie etwas tun kann, ohne dass der andere gleich davon weiß".

Nun wird Pfarrerin Susanne Gessner die ländliche Aura eintauschen gegen das Leben in der Stadt. Rosen, Zucchinis und Tomaten der begeisterten Hobbygärtnerin müssen ab jetzt in Töpfen auf dem Balkon wachsen und reifen. Als Seelsorgerin in der Uni-Klinik in Gießen, mit den schwerpunkt-mäßigen Einsätzen auf den Kinderstationen, in der Psychiatrie sowie in der Hautklinik wird Susanne Gessner ihrem mitfühlenden Naturell entsprechend ihren zukünftigen kleinen und großen „Patienten" voll zur Seite sein. Eins allerdings steht jetzt schon ohne Umschweife für die beliebte Pfarrerin fest: „Ich werde den Vogelsberg sehr, sehr vermissen!" Und noch etwas: Nicht mehr hören wird sie wohl den Satz: „Alleweil kimmt die Pennerschen!" Die Bezeichnung „Pennerschen" war Susanne Gessner bereits als Kind für die Pfarrerin oder Pfarrersfrau im Dorf alltäglich und geläufig. „Nun in meiner Zeit als Pfarrerin im Feldatal war es, wenn ich so genannt wurde, immer etwas Wunderschönes. Etwas Heimeliges, so etwas wie ,Du gehörst zu uns!'".


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