21. Januar 2017 - Ortsgeschehen / Heimische Wirtschaft

Quelle: OZ Alsfeld 21.01.2017

Eine halbe Million kleine Forellen

PORTRÄT Kai Uwe Bernhard hat sich eine Fischzucht in Storndorf aufgebaut / Im Moment legen die Tiere ihre Eier ab / Viel Arbeit auch im Winter

k u bernhard

STORNDORF (mpe). Leichtes Schneetreiben, minus elf Grad. Dunkel schimmern die Teiche der „Vogelsberger Forellenzucht" in Storndorf mit Bruthaus und Fischbecken. Zwischen verzweigten Rohren aus lindgrünem Kunststoff, aus denen munter das Wasser plätschert, sieht man bizarr vereiste Gebilde. Plötzlich fühlt man sich wie in eine dieser Geschichten von Jack London versetzt auf diesem romantisch am Ortsrand gelegenen Areal. Ein bisschen Alaska, ein bisschen Kanada, nur Wölfe haben sich noch nicht blicken lassen.

Dafür sind Waschbären und Füchse keine Überraschungsgäste, sondern gehören einfach dazu. Wie die Fischreiher, die munter in der ein paar Meter weiter fließenden Schwalm darauf warten, dass Besitzer Kai Uwe Bernhard endlich wieder das Terrain seines mit Hightech-Sauerstoffanlage ausgerüsteten Betriebes verlässt. Aber heute müssen die eleganten langbeinigen Flieger schon etwas Geduld mitbringen, denn das ist einer dieser Tage, an denen eine Arbeit gemacht werden muss, die man nicht verschieben kann: Forellen legen ihre Eier im Winter ab. Deswegen müssen die bis zu vier Kilo schweren prächtigen Goldforellen jetzt auf den Tag genau „abgestreift" werden. Heißt für den gelernten Fischzüchter Kai Uwe Bernhard: Das 15 Meter lange und drei Meter hohe Netz „auswerfen" und mit der „Beute" durch den Teich ans Ufer ziehen. Danach holt er mit einem Kescher die Goldforellen einzeln oder zu zweit an Land, sortiert sie nach männlichen und weiblichen Fischen in spezielle Becken. Letztere werden wieder herausgenommen, die Eier werden per Hand über den Bauch herausgestrichen und in einer Schüssel gesammelt. Nach dieser nur wenige Sekunden dauernden Prozedur geht es für die Goldforelle zurück in den Teich.

Dampfend steht ein Eimer mit Wasser in direkter Nahe. Bei den derzeitigen Temperaturen ein Muss. Ab und zu werden dort die Hände in den wasserabweisenden Handschuhen eingetaucht: „Damit wenigstens die Handschuhe wieder warm werden!"

Ansonsten hat sich Zwiebellook bewährt. Kai Uwe Bernhard trägt mehrere Schichten warmer Kleidungsstücke übereinander, geschützt von außen wird er durch eine wasserdichte letzte „Lage". In den hohen Neopren-Gummistiefeln sind die dicken von Mutter handgestrickten warmen Socken der Hauptrenner.

Nicht nur die Forellen müssen abgestreift werden, permanent muss jetzt im Winter geschaut werden, dass weder Pumpen noch die Rohre, die das Wasser in die einzelnen Becken transportieren, zufrieren. Das wäre nämlich ein echtes Problem, die Rohre sind so einfach nämlich nicht frei zu bekommen.

Über 30 Jahre ist es her, dass Kai Uwe Bernhard, der ursprünglich aus Kestrich stammt, in Storndorf den Startschuss gab für den Ausbau seiner „Vogelsberger Forellenzucht". Unter extrem harten Arbeitsbedingungen begann sich Stück für Stück ein Kindheitstraum zu erfüllen: „Als Junge habe ich immer im Bach bei uns zu Hause gespielt, und das ist jetzt draus geworden", so der 47-Jährige.

Inzwischen sind es wohl mehrere hundert Kubikmeter Erde, die von ihm mit der Hand geschaufelt und bewegt worden sind. Inzwischen angewachsen zu einem nach heutigen Maßstäben mittelgroßen hessischen Fischzuchtbetrieb. Einem, dem die besondere Gesundheit der Fische durch den EU Gesundheitsstatus KAT 1 bescheinigt wird. Das können nur wenige Betriebe in Hessen vorweisen, sagt Bernhard stolz, Dieser Status garantiert die ständige Kontrolle von Veterinäramt und Fischgesundheitsdienst. In jedem Falle ist eine Rundum-Betreuung von 24 Stunden nötig, Uwe Bernhard weiß: „Forellenzucht ist eine der anspruchsvollsten Nutztierhaltungen."

Jährlich werden in Storndorf etwa eine halbe Million Forellen gezüchtet, Regenbogen-, Bach-, Gold-, und Lachsforellen. Sie verlassen ihre Heimat unter anderem als Speisefisch, zum großen Teil jedoch als Setzlinge für andere Aufzuchtbetriebe bis nach Bayern und Nordrhein-Westfalen. Ihr Transport, eine weitere anspruchsvolle Arbeit für den Vogelsberger und seine drei Mitarbeiter: „Ein Fisch muss immer getragen werden, er kann nicht von einer Weide auf die andere laufen wie zum Beispiel ein Schaf." Getragen werden kann er auch nicht einfach auf dem Arm, er muss immer im Wasser sein, und zwar in Spezialkübeln.

Der Experte rechnet vor: „Ein Kilo Fisch bewegen, da kommen sechs Liter Wasser hinzu - das ergibt sieben Kilo Gesamtgewicht, die bewegt werden müssen."

Uwe Bernhard macht wieder Halt an einem seiner Fischzuchtbecken. Kleine Steine hebt er auf und lässt sie, einer nach dem anderen, in verschiedene Eimer fallen. „Meine ganz persönliche Rechenmaschine. So zähle ich die sortierten Laich-Forellen, die ich eben aus dem Wasser geholt habe und kann mir Zettel und Stift ersparen, die bei dem Wetter ohnehin einfrieren würden." Im Verkauf werden die Fische allerdings genau gewogen oder abgezählt.

Wieder krächzen die Fischreiher. Warten auf ihren Einflug. „Attraktiv ist eine solche Anlage für allerhand Fischliebhaber, die sich mit einem ansehnlichen Teil unserer Zucht davon macht", erklärt Kai Uwe Bernhard, in einem angemessenen Rahmen gehöre es zur Natur dazu. Genauso wie es dazu gehört, dass er nach seinem jetzigen Fischfang sofort das große Netz zusammenrollen und wegpacken muss. Ansonsten friert es ein und lässt sich nicht mehr bewegen. Umher liegende Netze werden von Füchsen und Waschbären durchgekaut und zerstört, weil sie „so schön nach Fisch schmecken".
„Alles nicht so schlimm wie die Auflagen der Behörden, die immer komplizierter und aufwendiger werden." Kai Uwe Bernhard wird nachdenklich, nennt ein Beispiel: „Unsere derzeitige Kassenwaage, die mehrere tausend Euro gekostet hat, ist reif für den Müll, weil eine aktuelle Steuerbestimmung eine andere verlangt. Ob wir diese große Investition tätigen können oder die Direktvermarktung einstellen, wissen wir noch nicht."

Dennoch: In seiner freundlichen, direkten Vogelsberger Art bleibt Kai Uwe Bernhard ein Optimist: „Forellenzüchter mit Leib und Seele bin ich seit frühester Jugendzeit bis heute. Arbeit im Freien, mit den Fischen am Wasser, das ist meine Leidenschaft. Daran ändert auch nicht, dass ich mittlerweile mehr als 30 Prozent meiner Arbeitszeit damit verbringe, meine Tätigkeit als Fischzüchter vom Schreibtisch aus "legitimieren" zu müssen."


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