25. August 2018 - Ortsgeschehen

Quelle: OZ Alsfeld, 25.08.2018

Wer hat den schöneren Finken?

VOGELZUCHT Niklas und Johanna kämpfen um den Jugendeuropameistertitel der Vereinigung für Artenschutz, Vogelhaltung und Vogelzucht

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Niklas Lenz ist im vergangenen Jahr Jugendeuropameister beim Europa Championat der Vereinigung für Vereinigung für Artenschutz, Vogelhaltung und Vogelzucht geworden. Schwester Johanna will ihm den Titel in diesem Jahr streitig machen. Foto: Buchhammer

STORNDORF. „Ihr habt doch einen Vogel!" Über diese Redewendung kann Familie Lenz aus Storndorf nur schmunzeln. „Stimmt. Genaugenommen nicht nur einen, sondern gleich etwa 130 und Exotische noch dazu", heißt es da vielmehr. Seit Jahrzehnten züchtet Vater Michael bereits verschiedenartige Vögel mit Ursprung aus fernen Landen und legte seinen beiden Kindern Niklas und Johanna selbige Leidenschaft förmlich in die Wiege.

Endlich alt genug für Wettbewerbe war der zehnjährige Sohnemann im vergangenen Jahr und wurde von null auf hundert beim Europa-Championat der AZ (Vereinigung für Artenschutz, Vogelhaltung und Vogelzucht) in Karlsruhe sogar Jugendeuropameister. An diesem Wochenende will der Junge seihen Titel verteidigen. Sein größter Gegner - die ein Jahr jüngere Schwester.

Da hat die Familie aber ein spannendes Wochenende vor sich. Drängt sich sofort ein Gedanke im doppeldeutigen Sinne auf. Um es vorwegzunehmen: Im Hause Lenz wird noch immer gemeinsam und ruhig gefrühstückt. Die Kinder kümmern sich als Team um all die Exoten in den Volieren auf dem Dachboden. Und am morgigen Sonntag fährt die vierköpfige Familie ohne Stacheldraht auf dem Rücksitz nach Karlsruhe zur offiziellen Bekanntgabe der diesjährigen Sieger.

„Wir haben rotschnäblige Spitzschwanz- und Ringelamadinen, Ziegen- und Glanzsittiche sowie 'gefährliche' Tigerfinken. Musst aber keine Angst haben", sagt die neunjährige Tochter Johanna mit großem Spaß daran, den Einblick in die heimische Ornithologie (Vogelkunde) zu eröffnen. Bedacht geht das Mädchen voraus, klopft an die Türe zum großen Speicher und wartet einen Augenblick ab. „Das ist wie bei den Menschen - jetzt wissen die Vögel, dass sie Besuch bekommen und stellen sich darauf ein. Würden wir einfach eintreten, würden wir viele Vögel erschrecken", erklärt Vater Michael ein wichtiges Detail bedachter Fürsorge.

Hier und da im Räume ist Vogelgezwitscher zu vernehmen, im Großen und Ganzen aber sitzen die Vögel australischer Herkunft ruhig und gelassen in den Käfigen und Volieren. Es macht den Anschein, als würden die Tiere den Besuch regelrecht genießen. Wenn auch als zeitintensives Hobby beschrieben, betreibt die Familie auf diese Weise neben einer stattlichen Zier- und Nutzgartenidylle ein besonderes Stück Natur unter ihrem Dach mit schönen Auswirkungen einer totalen Entspannung. „Das Vogelgezwitscher und Beobachten der Vögel ist Balsam für die Seele. Man kann so gut abschalten", bringt Mutter Bianca ihre Empfindungen auf den Punkt.

Voller Stolz präsentieren Niklas und Johanna ihre Auswahl zum Championat. Neun selbstgezüchtete Jung- und Altvögel der Gattung „Prachtfinken" gehen insgesamt ins Rennen. Seit etwa 14 Tagen sitzen die Vögel einzeln in gesonderten Trainingsboxen, um sich an die strengen Regularien des Wettbewerbs zu gewöhnen. Mit überzeugender Begeisterung erzählen die Geschwister von den Aufgaben und Arbeiten als Züchter. Wie selbstverständlich packten die Kinder schon Zeit ihres Lebens mit an. Mit ihrem achten Lebensjahr aber durften sie selbst als Vogelzüchter aktiv werden. Seither sei der Reiz noch viel größer. Sie geben alles zum Wohle und zur Pflege ihrer Tiere.

Eifrig berichtet das Duo vom Befruchten, Ausbrüten und Schlüpfen der erlesenen Finken. Das Anlegen der nur 2,7 Millimeter großen Ringe bei den Jungvögeln geschehe nach etwa 10 Tagen - als Zertifikat der notwendigen Stammdaten über Vogelart und Züchter. Später sei der Fuß zu dick und passe nicht mehr durch den Ring. Wahre Freude haben der frisch gebackene Gymnasiast und die Grundschülerin beim Beschreiben ihres Futters. „Eifutter, Sonnenblumenkerne, gemahlene Krabben und Mehlwürmer mögen sie am liebsten. Die sind echt lecker", betont Niklas. Die Kundigen fokussieren ebenso das äußere Erscheinungsbild ihrer Züchtungen mitsamt der biologischen Vererbungslehre und den Bewertungskriterien der Wertungsrichter. Die teilnehmenden Vögel müssen eindeutig selbstgezüchtet sein, zwei gepflegte Schwanzspieße aufweisen, den Schnabel und die Füße in kräftig roter Farbe haben, das Federkleid in gleichmäßiger Farbenpracht und glatt. „Und im entscheidenden Moment der Begutachtung ruhig auf der Stange sitzen. Alles andere würde ein Ausscheiden bedeuten", rundet Michael Lenz die Erklärungen über die Bedingungen ab.

Schon am Freitagmorgen fuhr der Familienvater die „Lenz'schen Vögel" nach Karlsruhe, damit sie sich in Ruhe an die Messehallen und den Wettbewerb gewöhnen können. Etwa 100 Züchter mit insgesamt 1000 exotischen Vögeln seien gemeldet, weiß der Vater zu berichten. Das wiederum bedeute für den noch amtierenden Europameister aus Storndorf schwere Konkurrenz.
Der Junge aber geht bedacht ans Werk, zeigt mit Freuden seine Errungenschaften in Form von Pokalen, Medaillen und Silberteller. Ein Jahr habe er den Wanderpokal nun behalten können, jetzt halte er den Platz in der Schrankwand im Wohnzimmer frei für die zweite Runde ab Sonntag, gibt sich Niklas in Gegenwart seiner kleinen Schwester gelassen.

Johanna hingegen kann man die Spannung vor der ersten Teilnahme als Züchterin bereits anmerken. Das Mädchen fiebert dem Familienausflug nach Karlsruhe geradezu entgegen. „Dieses Mal gewinne ich", stellt sie ihren Bruder auf die Probe. Die Spannung im Hause Lenz steigt. Noch einmal schlafen und dann werden alle erfahren, ob der diesjährige Europameister vom Euro-Championat in Karlsruhe wieder in Schwalmtal beheimatet ist.


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