30. Juni 2018 - Schwalmtal

Quelle: OZ Alsfeld, 30.06.2018 / Christian Dickel

Hausärztliche Versorgung gesichert

Praxisteam Boehm

Das anwesende Team (von links): Elisabeth Schmehl, Sabine Kobsch, Heidrun Schaubach, Anne und Dr. Martin Böhm. Foto: Dickel

BRAUERSCHWEND - Der Landärztemangel ist eines der vorherrschenden Themen im Vogelsbergkreis. In der Gemeinde Schwalmtal konnte die hausärztliche Versorgung für die kommenden Jahre gesichert werden. Seit vergangenen Dienstag ist Dr. Martin Böhm mit seinem Team ins ehemalige Bürgerhaus in Brauerschwend umgezogen.

Dort erinnert fast nichts mehr daran, wofür das Haus zuvor genutzt wurde. Den Patienten erwartet eine modern eingerichtete Praxis mit hellen Räumen, die den heutigen Richtlinien entspricht. Sie ist barrierefrei und mit behindertengerechter Toilette ausgestattet. Mit drei Behandlungsräumen, Labor, Empfang und separater Telefonzentrale sowie Rückzugsräumen für die Angestellten, entspricht die Praxis voll und ganz den Erwartungen des Ehepaars Böhm. "Von der Entscheidungsfindung bis zum Einzug hat es genau ein Jahr gedauert", sagt Martin Böhm. "Es war eine Entscheidung mit Weitblick. Die Gemeinde hätte sonst ab 1. Juli ohne Hausarzt dagestanden", kommentiert Schwalmtals Bürgermeister Timo Georg (parteilos).

Während der Bürgerversammlung im vergangenen Oktober (unsere Zeitung berichtete) hatten die Brauerschwender bei lediglich einer Gegenstimme inoffiziell den Weg frei gemacht, das Bürgerhaus aufzugeben. Der endgültige Beschluss der Gemeindevertreter fiel einstimmig am 27. Januar. Aus Sicht des Verwaltungschefs war es wohl eines der am schnellsten umgesetzten öffentlichen Projekte überhaupt, da bis zur Fertigstellung lediglich ein halbes Jahr vergangen ist. Auch der gesteckte Kostenrahmen von 270 000 Euro habe eingehalten werden können. Es habe sich bewährt, alles aus einer Hand fertigen zu lassen. Die Firma Medbau aus Gießen, die zur Gruppe Ideenwelt Gesundheitsmarkt (IWG) gehört, sei spezialisiert auf Ärztehäuser. Für sie sei es ein kleines Projekt gewesen. "Aber für uns war es ein Mammut-Projekt", kommentiert Martin Böhm.

"Wir sind nicht in der Lage für mehrere Millionen ein Ärztehaus zu bauen. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Aber wir können mit unseren Mitteln einen Gesundheitsstandort bereitstellen", ergänzt der Rathauschef. Und weiter: "Ich betone, dass wir kein Lex-Böhm geschaffen haben. Es wird eine marktübliche Miete bezahlt und es gibt einen vernünftigen Amortisierungszeitraum." Nichtsdestotrotz sei das Interesse der Kommune hoch gewesen, Böhm bei seinem Vorhaben zu unterstützen.

Gemeinsam hatten Martin Böhm und seine Frau Anne Böhm überlegt, wie es in Zukunft weitergehen könnte. In der Gemeinschaftspraxis von Dr. Wolfgang Löschner in Brauerschwend, wo Böhm seit Anfang des Jahres 2014 praktizierte, wollten sie nach Löschners Eintritt in den Ruhestand nicht bleiben. "Eine Praxis über zwei Etagen zu betreiben, geht heute einfach nicht mehr", nennt Martin Böhm einer der Gründe für die Suche nach einem neuen Standort. "Es gab vorher viele Diskussionen in der Familie. Wir haben auch die Zukunftsängste unserer Mitarbeiter bei der Entscheidung berücksichtigt", ergänzt Anne Böhm.

Alle packen mit an

Am vergangenen Wochenende stand dann der Umzug in die neuen Räume an. Dazu musste die Praxis ab Mittwoch, 20. Juni, geschlossen werden. "Wir hatten nur fünf Tage zu. Eine logistische Meisterleistung meiner Frau", sagt Martin Böhm. Das Ehepaar spart aber auch nicht mit Lob seinen Mitarbeitern gegenüber. Alle hätten Überstunden gemacht und tatkräftig mit angepackt. Bei einem Praxisumzug sei heutzutage die EDV am wichtigsten. Aufgrund der auszufüllenden Formulare habe ab Mittwoch kein Patient mehr behandelt werden können. "Die EDV in einer Praxis ist immens aufwendig. Öffnen konnten wir erst, als sie wieder lief", erklärt Martin Böhm. Dafür habe Sabine Kobsch ein gutes Händchen. Aber auch der Umzug des gedruckten Archivs sei ein Kraftakt gewesen. Darum habe sich Elisabeth Schmehl gekümmert, berichtet Anne Böhm. Darüber hinaus habe Christian Berner vom Bauamt des Gemeindeverwaltungsverbandes das Projekt begleitet und sei praktisch rund um die Uhr erreichbar gewesen.

Jetzt müssten sich noch die neuen Abläufe in der Praxis einspielen. Aber es mache sich bereits bemerkbar, den Empfang und die Telefonzentrale räumlich zu trennen. Das biete nicht nur dem Patienten mehr Diskretion, sondern entlaste die Mitarbeiter. Außerdem könnten Rezepte jetzt in der Telefonzentrale abgeholt werden. Darüber hinaus sei es durch den Schallschutz sehr ruhig in der neuen Praxis. Bereits die ersten Patienten hätten positive Rückmeldungen gegeben. Außerdem könne die Praxis ab 1. Juli endlich wieder neue Patienten aufnehmen, da Anne Böhm eine Zusatzausbildung (Verah Näpa - Verah steht für Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis, Näpa für Nichtärztliche Praxisassistentin) absolviert habe. Somit darf sie ihrem Mann beispielsweise Hausbesuche abnehmen. Erst kürzlich wurde die Praxis Martin Böhms von einer unabhängigen Einrichtung für ihre hausärztliche Versorgung ausgezeichnet.

Allerdings ist es auch kein Geheimnis, dass Martin Böhm nicht mehr der Jüngste ist. Gerade deshalb hält er die Einrichtung einer modernen Praxis für enorm wichtig. Ein junger Arzt, der aufs Land wolle, habe die freie Auswahl und würde sich daher für die beste Infrastruktur entscheiden. Die Zeiten seien längst vorbei, als Ärzte aufs Land zogen und dort ein eigenes Haus mit Praxis bauten. "Wir haben den Standort aufgewertet", meint Anne Böhm.

Zur Gestaltung der neuen Räume hatte sich das Ehepaar Unterstützung bei einem befreundeten Innenarchitekten aus Bremen geholt. Das Ganze habe dann aufgrund der unterschiedlichen Bestimmungen in den Bundesländern auf Hessen angepasst werden müssen. Georg bestätigt, dass sich die Gemeinde bei der Gestaltung komplett rausgehalten habe. So soll es auch bei einem möglichen zukünftigen Projekt sein. Schließlich ist das ehemalige Bürgerhaus bisher nur zur Hälfte belegt. Somit könnten Interessenten aus dem Gesundheitssektor, die sich ansiedeln möchten, die freie Fläche nach ihren Wünschen gestalten.

 


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